Für die Revolution zu kämpfen bedeutet Verantwortung zu übernehmen!

Text I der Reihe “Fuer ein revolutionaeres Leben”

Eine kurze Einführung

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Textreihe, in welcher wir uns mit den Kernfragen der subjektiven Rolle und Weiterentwicklung im revolutionären Aufbauprozess beschäftigen werden. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist, dass der Aufbau einer revolutionären Organisation ein Handeln erfordert, welcher ein hohes Maß an revolutionärer Identität voraussetzt. Wir begreifen dies als einen Entwicklungsprozess, der nur durch eine permanente Analyse, Diskussion und Selbstreflexion vorangetrieben werden kann. Wir alle sind mehr oder weniger Produkt einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, welche Eigenschaften hervorbringt und fördert, die einem kollektiven Kampf entgegenstehen.
Überall dort, wo es ernstzunehmende revolutionäre Kräfte gibt, spielt innerhalb dieser Organisationen die subjektive Weiterentwicklung ihrer AktivistInnen eine genauso wichtige Rolle wie die Theoretische und Praktische. In der BRD betreten wir mit dieser Debatte wieder Neuland. Vor diesem Hintergrund können die folgenden Beiträge auch nur unseren Diskussionsstand widerspiegeln. Sie sind also nicht als „Anweisungen“ zu verstehen, sondern vielmehr als Ansprüche an uns selbst und alle mit denen wir kämpfen (wollen). Mit der Textreihe streben wir eine Vertiefung dieser doch recht fragmentarischen und noch oberflächlichen Einführung an.
Werfen wir einen Blick auf die Geschichte der revolutionären Bewegung der Weimarer Republik, wird deutlich, dass damals die Frage der subjektiven Verantwortung und Rolle der Kader ein fundamentaler Aspekt im Bestehen und Wirken der Organisationen war. Wir verweisen hier speziell auf die kommunistische und anarchistische Bewegung, deren politische und kulturelle Tradition durch den Faschismus weitestgehend zerschlagen wurde. Seit Bestehen der BRD sind uns die Bemühungen einer Weiterentwicklung in diesem Bereich nur bei den bewaffnet kämpfenden Gruppen bekannt.
Bevor wir zum ersten Beitrag dieser Serie kommen, wollen wir noch zwei von uns verwendete Begriffe bestimmen. Wir wissen, dass die Wörter „Kader“ und „Disziplin“ gerade bei unseren anarchistischen GenossInnen negative Assoziationen hervorrufen. Wir haben sie dennoch verwendet, weil sie aus unserer Sicht absolut treffend sind.
Kader sind für uns eben keine nicht selbst denkenden ParteisoldatInnen, sondern GenossInnen die sich dafür entschieden haben, Verantwortung für den revolutionären Prozess zu übernehmen und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kapazitäten den Organisierungsprozess voranzutreiben. Und dies erfordert ein hohes Maß an Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit kollektiv zu handeln.
Disziplin meint in diesem Kontext nicht das unhinterfragte Umsetzen von Anweisungen, meint explizit nicht Kadavergehorsam. Gemeint ist vielmehr das verbindliche Einhalten der eigenen Ansprüche und der kollektiv getroffenen Entscheidungen.
Für den revolutionären Aufbauprozess, den wir uns auf die Fahnen geschrieben haben, als wir uns auf den Weg machten, müssen wir uns der Verantwortung, die dieser Kampf mit sich bringt, bewusst sein. Es handelt sich dabei um die Verantwortung sich selbst, unserer Bewegung und der Revolution gegenüber. Denn das Voranschreiten der Revolution ist maßgeblich vom eigenen Voranschreiten abhängig!

Die AktivistInnen und Kader der Revolutionären Linken, die sich dieser Verantwortung annehmen, sind notgedrungen in der Situation, sich mit den eigenen Schwächen und den Schwächen unserer Genossinnen und Genossen auseinanderzusetzen. Wir sind uns darüber bewusst, dass niemand perfekt sein kann und wir niemals auslernen werden. Allerdings ist es unser Ziel, unsere Schwächen auf ein Minimum zu reduzieren und unsere Stärken zu optimieren. Aus diesem Grund sollten die folgenden Passagen für uns alle eine Hilfestellung sein, uns selbst und unsere Aufgaben besser zu begreifen, die kleinbürgerlichen Neigungen und Gewohnheiten, die irgendwo in jeder und jedem von uns stecken, zu bekämpfen und unsere revolutionäre Identität weiterzuentwickeln.

Was fällt aktuell in unseren Verantwortungsbereich

Wir möchten zunächst auf den Kern der aktuellen Aufgaben einer/eines jeden AktivistInnen und Kaders unserer Bewegung eingehen. Obwohl im revolutionären Kampf die Schwerpunkte der einzelnen Arbeitsfelder je nach Phase oder aktuellem Anlass variieren können, so gehören ohne Zweifel die Bereiche Kaderbildung, Schulung und Basisarbeit permanent zu den aktuellsten und dringlichsten Grundaufgaben. Insbesondere in der aktuellen Phase, in der der revolutionäre Aufbauprozess all unsere Kräfte beansprucht, die ideologisch-politische Stärke unserer Bewegung gefragt ist und die Entpolitisierung der Massen einen nicht mehr hinnehmbaren Grad erreicht hat, erhalten diese drei Bereiche einen erhöhten Stellenwert. Doch auch die Tatsache, dass der imperialistische Staat seine repressive Politik vorantreibt und in erster Linie die revolutionären Elemente aus dem Weg räumen möchte, drängt uns die Notwendigkeit auf, die Sicherheitsregeln, die die klandestine Organisierung mit sich bringt, nicht außer acht zu lassen und durch noch intensiveres Engagement in der Lage zu sein, jedeN einzelnen AktivistIn und Kader unserer Bewegung bei Ausfällen ersetzen zu können.

Kaderbildung, Schulung und Basisarbeit

Um das Wachsen der Bewegung gewährleisten oder Ausfälle kompensieren zu können, müssen die Arbeitsfelder Kaderbildung und Schulung in permanenter Weise umgesetzt werden. Denn es gilt nicht nur, neue Kader zu gewinnen, sondern auch darum uns und ihnen ein ideologisches, politisches und praktisches Fundament mit auf den Weg zu geben. Dafür ist es wichtig, sich über die wichtigsten Qualitäten des Kaders im Klaren zu sein. Denn jedeR von uns muss dazu in der Lage sein, die Ansprüche und Erfordernisse des gemeinsamen Organisierungsprozesses richtig verstehen und umsetzen zu können. Auch gehören die ideologisch-politischen Grundlagen, die zur Umsetzung der Ansprüche des revolutionären Aufbauprozesses und die praktischen Fertigkeiten zur Organisierung unserer Klasse erforderlich sind, zu den elementaren Eigenschaften eines Kaders, die es zu entwickeln gilt. Das Heranwachsen zu einem Kader ist längerfristig nur durch eine programmatische und kollektive Arbeitsweise umsetzbar. Sowohl die Kaderbildung als auch die Schulung müssen einem durchdachten Schema unterliegen, da eine rein spontane und zufällige Arbeitsweise dabei nicht das Erlernen der erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten gewährleisten kann. Auch bedeutet eine gezielte Kaderbildung, welche im Leben und im Kampf selbst stattfinden muss, das Aufbringen von Mühe und Geduld. Eine oberflächliche Beschäftigung und ein überhastetes Durchpauken des erstellten „Programms“ wird ebenso wenig zum gewünschten Ergebnis führen wie ein zu frühes Aufgeben. Es sollte keinen Grund für eine zu frühe Resignation geben, solange nicht klar ist, wo eigentlich die Schwierigkeiten liegen. Denn Kaderbildung bedeutet vor allem eine neue Identitätsbildung beim Menschen. Es bedeutet, einer Persönlichkeit, die womöglich über Jahrzehnte hinweg durch das kapitalistische System geprägt wurde, zu einer revolutionären Identität zu verhelfen. Und so etwas lässt sich in der Regel nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Des weiteren müssen wir in der Lage sein, die Ursachen für Fehler und Misserfolge zunächst bei uns selber zu suchen, um auch daraus lernen zu können und diese nicht zu wiederholen. Von daher ist Anwendung von Kritik und Selbstkritik, ohne die sowohl Erfolge als auch Misserfolge unhinterfragt blieben, für eine Analyse und Nachbereitung unserer getätigten Arbeit von immenser Bedeutung. Nur durch die ständige Reflektion der Praxis des einzelnen Kaders und der Praxis des gemeinsamen Organisierungsprozesses im Generellen ist eine Entwicklung und ein bewusstes Vorankommen möglich.
Die Schulung setzt sich im Allgemeinen aus Lernen und Lehren zusammen. Diese ist von daher kontinuierlich umzusetzen, da diese maßgeblich für das Erhalten und Stärken der politisch-ideologischen Grundlagen notwendig ist, welche ausschlaggebend für einen revolutionären Aufbauprozess sind. Die Kontinuität der Schulung besitzt einen enormen Stellenwert, da die Weiterentwicklung der Einzelnen einen ununterbrochenen Prozess darstellt, welcher ohne eine ständige Auseinandersetzung mit der Schulung zwangsläufig in einer Stagnation mündet. Deshalb stellen Schulungen eine Möglichkeit dar, bestehendes Wissen aufzufrischen und durch neues zu ergänzen. Auch hierbei sollte nicht vergessen werden, dass niemand allwissend ist und Schulungen aus diesem Grund nicht grundsätzlich nach dem „Lehrer–Schüler“-Schema ablaufen, sondern vielmehr einen wechselseitigen Lehr- und Lernprozess darstellen. Schulungen beschränken sich dabei nicht auf Unterrichtsräume und die Vermittlung von theoretischen Grundlagen, sondern finden gleichzeitig in der Praxis statt. Anhand der Umsetzung der Theorie in die Praxis wird das angeeignete theoretische Wissen auf Richtigkeit überprüft und das Wissen anhand der in der Praxis gemachten Erfahrungen weiterentwickelt. Letztlich ist die „Praxis das Kriterium der Wahrheit“, in der sich das angeeignete Wissen bestätigen muss. Es sollte dabei jede Möglichkeit wahrgenommen werden, auch unserer Klasse das angeeignete Wissen innerhalb der Basisarbeit gezielt zu vermitteln.
Wenn wir uns vor Augen führen, in welchem Grad unsere Klasse entpolitisiert und sich ihrer Rolle unbewusst ist, wird die Bedeutung der Basisarbeit sichtbar. Die Solidarität innerhalb unserer Klasse wurde durch die massive Propagandaarbeit des kapitalistischen Systems weitestgehend durch Vereinzelung und Entfremdung ersetzt. Von daher muss unsere Basisarbeit in erster Linie darauf abzielen, die Solidarität zu stärken und das verloren gegangene Klassenbewusstsein wiederherzustellen. Für die Politisierung und Organisierung unserer Klasse ist es notwendig, in ihren Lebensbereichen konkret präsent zu sein. Dabei nützen allerdings Propagandaarbeit und vielfältigste Aktionen wenig, wenn wir nicht in der Lage sind, die Politisierung für eine Organisierung zu nutzen, denn nur „das organisierte Proletariat ist unbesiegbar“.

Verantwortung und Disziplin

Die drei Aufgabenbereiche, die wir oben aufgrund der aktuellen Notwendigkeit etwas beleuchtet haben, sollen mitunter darlegen, dass es unserer Verantwortung unterliegt, uns selbst und unsere Genossinnen und Genossen mit ideologisch-politischer Festigkeit und praktischen Fertigkeiten auszustatten. Sich diesen Aufgaben anzunehmen und diese umzusetzen bedeutet Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und damit der Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen revolutionären Aufbauprozesses nachzukommen. Die Erkenntnis über die eigene Verantwortung und die politische Verantwortung der Organisierung der Revolution gegenüber bedeutet unausweichlich die Auseinandersetzung und Abrechnung mit den kleinbürgerlichen Neigungen und Gewohnheiten, die wir alle in einem gewissen Maß in uns tragen. Sowohl die Umsetzung unserer Aufgaben als auch die Weiterentwicklung unserer revolutionären Identität setzen ein Höchstmaß an Disziplin voraus. Ohne Disziplin ist das Funktionieren einer Organisation nicht denkbar. Denn ohne Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit, d.h. ohne die Umsetzung der gesteckten Aufgaben würde jede Seriosität zu einer Farce und der Anspruch, eine Revolution durchführen zu wollen, unglaubwürdig. Das Fehlen von Disziplin stellt im Grunde nicht allein ein funktionales, sondern viel mehr ein ideologisches Problem dar. Unverbindliches Arbeiten und die fehlende Umsetzung von Aufgaben in die Praxis resultieren oftmals aus einem fehlenden Verständnis, dass auch die kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Tätigkeiten zum Funktionieren der Organisation und zum revolutionären Prozess beitragen. Auch sollte Disziplin nicht darauf beschränkt sein lediglich die von einem erwartenden Aufgaben umzusetzen, was die eigene Initiative und Kreativität hemmen würde. Vielmehr benötigt die Organisation Kader, die in der Lage sind die Strategien und Taktiken in Anbetracht der politischen Linie der gemeinsamen Organisierung unter den gegebenen Bedingungen zu entwickeln, anzuwenden und umzusetzen.

Mit unseren Schwächen offensiv umgehen

Das kapitalistische System und ihre systematische Politik der Vereinzelung wirkt sich in permanenter Weise auch auf uns aus und äußert sich dahingehend, dass der Einzelne seine eigenen Interessen über die Interessen der Gemeinschaft stellt. Von daher ist es notwendig sich über die Auswirkungen dieser Politik bewusst zu werden, um eine Auseinandersetzung damit zu ermöglichen. Insbesondere innerhalb unserer Bewegung ist es erforderlich, die Interessen des revolutionären Aufbauprozesses über die individuellen Interessen zu stellen, weil u.a. aufgrund der klandestinen Organisierung die Verantwortung für die Genossinnen und Genossen und die aufzubauende Organisation an sich dem Schutz vor staatlicher Repression gleichkommt. Eigentlich jedoch stellt das Erkennen der Verantwortung im Gesamtkontext die Abrechnung mit unseren kleinbürgerlichen Neigungen und Gewohnheiten und das Etablieren der revolutionären Identität dar und führt automatisch zur Verlagerung der Prioritäten hin zum Kollektivismus.

An diesem Punkt werden wir in den kommenden Ausgaben ansetzen.

Wir hoffen, dass wir mit unseren doch recht fragmentarischen Überlegungen einen dennoch guten Einstieg in eine Diskussion um subjektive Weiterentwicklungen geleistet haben. Hinweisen wollen wir noch einmal darauf, dass diese Textreihe unserem aktuellen Diskussionsstand entspricht und in erster Linie Ansprüche an uns selbst und unser „Umfeld“ darstellen. Es geht uns um Orientierungspunkte und nicht darum anderen etwas vorzuschreiben.
In den kommenden Beiträgen werden wir das bisher geschriebene vertiefen und uns mit den Themenbereichen bürgerliches / proletarisches Denken und Verhalten, Kritik / Selbstkritik, Individualismus / Kollektivität und mehr auseinandersetzen.

Revolutionäre Linke [RL]

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