Mittel und Zweck in militanter Politik – ein Nachtrag zum “Gasaki”-Modell –

Der Anlass für diese Zeilen hätte kaum dramatischer sein können: Anfang April des Jahres kam es bei einem Anschlag auf die Zentrale des griechischen Managementverbandes in Athen zu einem Todesfall und zu einer schweren Verletzung: ein sechsjähriger afghanischer Flüchtlingsjunge wurde durch eine ausgelöste Detonation getötet, seine Mutter entkam dem Tode, wurde aber durch die Sprengsatzwirkung schwer verletzt. Wir haben keine speziellen Informationen darüber, von welcher Gruppierung und aus welchem Spektrum dieser Anschlag unternommen wurde. Hierzu gaben die kurzen Pressemeldungen nichts her.
Es liegt aber nahe, dass dieser Anschlag, ohne uns in Spekulationen zu ergehen, aus den Reihen der revolutionären Linken stammt. Vermutlich ist mit einem Bausatz hantiert worden, der seit mehr als einem Jahr auch in der BRD eine verstärkte Verwendung findet: das sog. “Gasaki”-Modell. Eine schriftliche, erweiterte Anleitung zu diesem kombinierten Brand-/Sprengsatz, der sozusagen ein “gutgehender” Exportartikel aus den südeuropäischen Gefilden ist, haben wir in der radikal 162 (Winter 2010) veröffentlicht. Wir haben bereits dort geschrieben, dass wir “bis zur Serienproduktion” von “Gasaki”  noch “einige Elemente ausreifen und verbessern müssen”. Des weiteren haben wir dazu aufgefordert, “dass von militanten AktivistInnen Ergebnisse weiterer Erprobungen und praktischer Anwendungen bekannt gemacht werden.” Selbstkritisch würden wir einwenden, dass wir in unserem Beitrag die Sicherheitsaspekte, vor allem jene, die die potentiellen Gefahren für Unbeteiligte berühren, vernachlässigt haben. Eine nicht auszuschließende Splitterwirkung infolge der Explosion der Gaskartuschen, die von verschiedenen Faktoren der Bauart und der Platzierung abhängig ist, haben wir zwar benannt, aber nicht ausdrücklich betont, dass der Ablegeort von “Gasaki” extra zu sichern ist. Das ist ein Versäumnis, dass deshalb so schwer wiegt, da wir dieses Einsatzmittel als ein praktisches Element im Rahmen einer militanten Politik betrachten und bereits verwendet haben. Damit haben wir den Einsatz von “Gasaki” befördert, ohne allerdings eine Risikoabschätzung gut sichtbar im Beipackzettel mitgeliefert zu haben.
“Wir sehen”, so unsere Worte in der radikal 162, “als eine Aufgabe der radikal an, uns als  revolutionärer Linken Mittel und Methoden in die Hand zu geben, um praktisch werden zu können. Es geht darum, Optionen des organisierten militanten Widerstandes zu vervielfältigen, um anlassbezogen und situationsbedingt agieren zu können.” Zu diesem Punkt “anlassbezogen und situationsbedingt agieren zu können”, gehört aber unweigerlich, die Sicherheitsaspekte miteinbezogen zu haben. Diese notwendige “Nachlieferung” wollen wir mit den folgenden Zeilen erfüllen.

Zu Sicherheitskriterien beim “Gasaki”-Einsatz

Das Hauptkriterium, das vor dem Einsatz des kombinierten Brand-/Sprengsatzes der Marke “Gasaki” unbedingt zu befolgen ist, ist, dass nur Orte in die engere Auswahl gezogen werden, die einen wie auch immer gearteten Publikumsverkehr nach menschlichem Ermessen ausschließen. D.h. zum einen, dass sich zum Zeitpunkt des Zündens von “Gasaki” keine Leute bspw. in dem Gebäudeteil aufhalten, an dem bzw. in dem dieser Bausatz seinen Platz gefunden hat. Es ist durchaus häufig, dass in Verwaltungsgebäuden oder ähnlichen Einrichtungen Wachschutzleute sitzen und/oder ab und an Streife laufen. Dies ist zu recherchieren, um eine Abwägung u.a. hinsichtlich des Ablegens von “Gasaki” treffen zu können. Eine abstrakte Gefährdung liegt selbst vor, wenn Wachschutzdienste Gebäude zur Nachschau in größeren Abständen abfahren und/oder eine Kurzbegehung unternehmen. Auch hier ist es erforderlich zu checken, wie eine derartige Sicherung durch Bedienstete solcher Firmen im Regelfall aussieht. Z.B. sollte in Erfahrung gebracht werden, wie intensiv ein Gebäude bewacht wird: Ist es nur ein oberflächlicher Rundgang, ohne die Innenräumlichkeiten aufzusuchen, oder wird faktisch jedes Schloss und jeder Winkel auf “Auffälligkeiten” hin überprüft?
Damit ein Bewegungsbild von etwaigen Tätigkeiten von Wachschutzleuten erstellt werden kann, müssten an verschiedenen Tagen Eindrücke gesammelt werden, die in der Gesamtschau in der Regel eine Bewertung zulassen sollten. Das braucht mitunter mehr Zeit als man als klandestin-militantes Kollektiv meint zu haben. Allerdings gehört es zu einer seriösen militanten Praxis dazu, dass man mit einem Politikverständnis unterwegs ist, das Risiken, insbesondere für Unbeteiligte, so gering wie möglich halten will. Wir sagen im eben zu Papier gebrachten Satz bewusst “Risiken, insbesondere für Unbeteiligte, so gering wie möglich halten”, denn ein Null-Risiko gibt es nur bei einer “militanten Praxislosigkeit”.
Was bleibt bis hierher festzuhalten? Da eine Brand- und Sprengwirkung im vornherein nicht exakt zu berechnen sein wird, verbietet sich jeder laxe Umgang mit derlei Mitteln aus dem Baukasten der Subversion. D.h., das eine offensichtliche Gefährdung Unbeteiligter nach Lage der Dinge ausgeschlossen sein muss. Dies beziehen wir ausdrücklich auf PassantInnen, die sich bspw. von der Arbeit kommend auf dem Heimweg befinden. Bei bedingt unbeteiligten Personen, hier sprechen wir u.a. von Wachschutzleuten, ist einerseits durch den Ablegeort darauf zu achten, dass, nach dem, was die eigene Recherche erbracht hat, eine direkte körperliche Gefahr nicht besteht. Wenn wir von bedingt Unbeteiligten sprechen, liegt kein Zynismus in der Luft, sondern wir benennen lediglich, dass jene, die objektiv oft unserer Klasse angehören, aufgrund ihres berufsmäßigen Daseins in ein latentes Beteiligt-Sein verstrickt sind. Dieses unfreiwillige latente Beteiligt-Sein heißt für uns, die Verantwortung dafür zu tragen, dass jene Personen nicht (durch welchen Zufall auch immer) in die “Schusslinie” geraten. Wir unterstreichen hier noch einmal: es ist darauf hinzuarbeiten, dass alle erdenklichen und unerdenklichen Zufälle einkalkuliert werden; nichtsdestotrotz begleitet uns still und heimlich das “restliche Restrisiko”!
Zum anderen haben wir das unmittelbare Zielobjekt zu markieren. Wir sprechen uns für eine Art “Kennzeichnungspflicht” für den “gefährlichen Ort” durch Warntafeln oder Absperrband aus. Die unmittelbare Gefahrenzone ist von unserer Seite zu kennzeichnen; und zwar so, dass die Abgrenzung deutlich ins Auge fällt. Möglicherweise ist zu überlegen, falls schriftliche Warnhinweise angebracht werden, ob diese mehrsprachig sein sollten. Wie weiträumig unsererseits das Zielobjekt abzusperren ist, ist im Einzelfall zu entscheiden. Diese Vorsichtsmaßnahme bringt allerdings die Schwierigkeit mit sich, dass das eine “Zusatz-Aktivität” vor Ort ist, die nicht nur Zeit kostet, sondern vor allem auch ein erhöhtes Entdeckungsrisiko beinhaltet. Außerdem dürfte diese erforderliche örtliche Sicherung die Pulsfrequenz auch nicht gerade beruhigen, denn die Strapazierfähigkeit ist während der unmittelbaren Durchführung einer militanten Aktion eh kaum mehr zu steigern.
Deshalb bevorzugen wir, dass “Gasaki” auf einem “befriedeten”, umzäunten Areal zum Einsatz kommt. Dabei kann es sich um ein Gebäude handeln, das durch Gatter, Zäune oder Mauern von der übrigen Umgebung getrennt ist. Denkbar ist auch, dass sich das ins Visier genommene Objekt völlig abseits “im Grünen” befindet, wo selbst PilzesammlerInnen bisher noch nicht gesichtet wurden (warnende Hinweise nicht natürlich trotzdem zu hinterlassen). Akustische Warnsignale, wie sie seinerzeit durch die antiimperialistische zelle (aiz) Mitte der 90er Jahre bei Sprengstoffanschlägen vor Wohn- und Arbeitsstätten von Politikern ausgestrahlt wurden, sind nicht ratsam. Die Geräuschkulisse dürfte eher anlockend wirken, als das sie dazu verleitet, sich zügig zu entfernen und das Weite zu suchen. Wobei der Hintergedanke, dass der Gefahrenort besser und schneller lokalisiert werden kann, anzuerkennen ist, nur würden wir die Variante der weiträumigen Absperrung vorziehen.
Die “Gasaki”-Anschläge, die wir als Revolutionäre Aktionszellen (RAZ) auf die Arbeitsagentur Berlin-Wedding (Dezember 2009) und das hauptstädtische Haus der Wirtschaft (Februar 2010) verübt haben, erfüllten diese Kriterien weitgehend. Bei der Arbeitsagentur wurde der “Gasaki”-Aufbau im ringsum durch Mauerwerk und Zäune abgeschlossenen Hof vor einem Seiteneingang positioniert. Neben einem weiteren Seiteneingang haben wir einen weiteren Brandsatz ohne Gaskartuschen gezündet. Beim Haus der Wirtschaft konzentrierten wir uns auf eine Lüftungsanlage, die sich an einem abgezäunten hinteren Gebäudeteil befindet. Der etwa 2,20 Meter hohe, engmaschige Metallzaun grenzt an einen Parkplatz, der vorwiegend von AnwohnerInnen benutzt wird. Den so beschaffenen Metallzaun haben wir als “Abfangwand” etwaiger herumfliegender Fassadenstücke oder sonstiger herumirrender Partikel gesehen. Die abgeparkten Fahrzeuge boten zusätzlich einen Kordon. Und da diese Ecke vor allem bei tiefen Minustemperaturen nichts von einer abendlich-nächtlichen Flaniermeile hat, hielten wir den “Gasaki”-Einsatz an diesem Ort für verantwortbar. Allerdings auch für “grenzwertig”, so dass wir künftig die von uns aufgestellten Sicherheitskriterien weniger “elastisch” halten werden. D.h., dass der “Gasaki”-Bausatz bei “grenzwertigen” Zielobjekten nicht mehr zum Zuge kommen wird. Wir hoffen, dass diese von uns gemachten Ausführungen (militanten) GenossInnen einige Winke in die Hand geben, um Ort und Zeitpunkt des “Gasaki”-Einsatzes mit Augenmaß zu bestimmen. Wenn das alles gegeben sein sollte, dann aber auch nix wie hin und ran!
Es sind aus unserer Sicht nachdem, was wir ausgeführt haben, verschiedene Varianten für den Einsatz von “Gasaki” vorstellbar und praktikabel. Aber: Keinesfalls ist es zu tolerieren, dass “Gasaki” quasi auf öffentlichem Straßenland abgelegt wird, wo jederzeit, auch zu den vermeintlich unmöglichsten Tages-/Nachtzeitpunkten, PassantInnen umherstreifen könnten, da auch kein “natürliches Hindernis” wie ein Zaun oder ähnliches eine Distanz zwischen Publikum und der feurig-sprengenden Apparatur schafft. Ein (Negativ-)Beispiel: Wir denken, dass die militante Aktion vor dem Eingangsbereich der “Stiftung Politik und Wissenschaft” im Januar in Berlin in dieser Form nicht zu wiederholen ist, denn dort wurde der Bausatz “Gasaki” auf einem Treppenabsatz vor die Haupttür des Gebäudes offen ausgelegt, so dass dieses Einsatzmittel militanter Praxis frei zugänglich war. Es ist förmlich eine Einladung, dass man sich einen solchen “ungewöhnlichen Gegenstand” in der großstädtischen Landschaft aus der Nähe betrachten will. Es ist absolut im Bereich des Möglichen, dass die Zündung oder gar die Explosion bspw. von “Gasaki” mit den interessierten Blicken eines/einer PassantIn zusammenfällt. Je nach dem, welche Sprengkraft der Bausatz besitzt, kann ein mehr oder weniger direkter Kontakt mit diesem fatale, lebensgefährliche Folgen haben.
In einer ersten kurzen Aufarbeitung eines militanten Kampagnenversuchs zu Angriffen auf Institutionen der Repression und sozialen Kontrolle (vgl. Interim 706) wird diese Aktion neben weiteren aufgeführt; eine Problematisierung dieses “Gasaki”-Angriffs blieb aber (unverständlicherweise) aus. Wir halten diese Nicht-Problematisierung für symptomatisch für eine zu kurz gegriffene militante Praxis, die sich primär um die Aktion an sich dreht und die diversen Komponenten organisierter Militanz (u.a. die Relation zwischen Mittel-Zweck-Gefährdung) nicht in einem Zusammenhang sieht.

Das militante Mittel und der (un-)erfüllte Zweck revolutionärer Politik

Wir wollen an dieser Stelle keineswegs einen beinahe philosophischen Exkurs über die Frage “Heiligt der Zweck die Mittel?” anstrengen. Nein, wir wollen nicht den Kontakt zum realen Boden der Klassenauseinandersetzung im Hier und Jetzt verlieren; uns geht es im wesentlichen darum, zu problematisieren, inwiefern Mittel und Zweck im Rahmen organisierter Militanz in Übereinstimmung zu bekommen sind. Die Kluft, die bei jedem Anspruch klafft, sollte hierbei so gering wie möglich ausfallen.
Ein klitzekleiner “philosophischer Ausflug” sei jedoch trotzdem gestattet: Der dialektische Materialist/die dialektische Materialistin kennt keinen Dualismus zwischen Ziel und Mittel. Das Ziel ergibt sich aus dem angestrebten sozial-revolutionären Prozess, der in der Perspektive nur als ein etappenweiser und weltweiter zu betrachten ist. Die Mittel sind dem Ziel sozusagen organisch untergeordnet. Das unmittelbare Ziel wird zum Mittel für ein entfernteres Ziel. Und dieses erreichte Ziel ist wiederum Ausgangspunkt für eine weitere Zielstellung. Ein Mittel ist nur durch das mit ihm verfolgte Ziel zu rechtfertigen. Aber das Ziel bedarf seinerseits der Rechtfertigung. Vom Standpunkt der revolutionären Linken ist das Ziel gerechtfertigt, wenn es die Macht des Menschen über den Menschen aufhebt und einer libertär-egalitäre Gesellschaftsform den Raum öffnet.
Wir wollen in diesem kleinen Beitrag die komplizierte Verwicklung Weg/Mittel und Ziel/Zweck nicht fortführen;  unser Mittel-/Zweck-Verhältnis als klandestin-militanter Gruppenzusammenhang haben wir auf die Ebene der taktischen Eingriffsversuche herunterzubrechen. Eine militante Praxis, die Teil eines umfassenderen Verständnisses einer militanten Politik ist, bewegt sich, wie die GenossInnen von der (mg) richtig geschrieben haben, in den Niederungen des Taktischen. D.h., dass unsere Mittelwahl als Militante zunächst der Zweckmäßigkeit im Rahmen des komplexen revolutionären Aufbauprozesses zu genügen hat. Militante Politik ist dabei als ein eigenständiger Faktor konzipiert, der aber nicht “freischwebend” ist, sondern über das Wechselverhältnis mit den anderen Widerstandsfeldern der revolutionären Linken verbunden und somit auch bestimmten “konjunkturellen Schwankungen” unterworfen ist. Die Aufgabe der klandestinen Kerne besteht bspw. in Perioden der relativen Inaktivität der revolutionären Linken darin, das Know-how militanter Politik bereitzustellen und nicht zu verlieren, damit in aufsteigenden Phasen darauf zurückgegriffen werden kann.
Es muss aber auch die im Mittel der Militanz selbst angelegte Begrenztheit der Zielverwirklichung gesehen und verstanden werden. Und diese Begrenztheit kann nur im koordinierten und strukturierten Zusammenwirken mit den anderen Widerstandsfeldern der revolutionären Linken aufgehoben werden.
Bei der Durchführung und (Aus-)Wirkung einer militanten Aktion ist klarzukriegen, ob mit jener ein (illusorisches) Ziel ohne Rücksicht auf den Stand und den “Reifegrad” der revolutionären Linken erreicht werden soll, oder, ob das direkt gesteckte Ziel der Aktion nur ein Mittel sein kann, um im Rahmen des komplexen revolutionären Aufbauprozesses Ausgangsbedingungen für eine künftige Offensive zu verbessern. Wenn man so will, entsprechen die vorsichtig-bescheidenden Zielsetzungen einer militanten Politik den dosierten militanten Mitteln; und umgekehrt setzt sich die begrenzte Mittelwahl gut ins Verhältnis zur realistischen Bestimmung des (Etappen-)Ziels.
Aktionsmittel aus dem Sortiment militanter Politik sind also kein Selbstzweck. Eine “Wo gehobelt wird, fallen Späne”-Haltung hinsichtlich einer militanten Praxis ist innerhalb der revolutionären Linken zu bekämpfen. Eine solche schräge Haltung ist nicht nur vom Blickwinkel einer soliden militanten Politik her ausgeschlossen, sie ist auch ein Einfallstor für Ungenauigkeit und Leichtsinn bei der Ausführung von “Nacht-und-Nebel-Aktionen”. Hinsichtlich des Einsatzes bestimmter militanter Aktionsmittel wäre es zudem eine irrige Logik, wollte man nur ein “Premium-Mittel” gelten lassen, um sein Tun als ein tatsächlich militantes zu rechtfertigen. Hierdrin liegt bereits eine gedankliche und, falls ausgeführt, praktische Falle; die Falle eines militanten Dogmatismus, der oft auch mit einem militanten Reformismus verknüpft ist, wie er sehr prägnant von der (mg) in ihrem schriftlichen Interview mit der radikal (vgl. Nr. 161) dargelegt wurde. Das formulierte Ziel einer militanten Intervention, wenn es denn überhaupt jemals begrifflich ge- und erfasst wurde, gerät so tendenziell aus dem Blick, da es zum Knackpunkt wird, ein definiertes Militanz-Niveau nicht zu unterschreiten.
Wenn ein militant-klandestiner Gruppenzusammenhang aufgrund einer selbst verursachten Fehlerkette und eines fahrlässigen Handelns eine Aktion durchführt, bei der im schlimmsten Fall Unbeteiligte zu Schaden oder gar ums Leben kommen, dann hat das nachträglich zu Konsequenzen zu führen – und leider bleibt dann nur die nachträgliche Konsequenz. Es ist nicht nur eine schonungslose Reflexion in der revolutionären Linken zu vermitteln, um eine Wiederholung zu verhindern, sondern ein solches klandestin-militantes Projekt wäre auch auf Zeit, eventuell dauerhaft, einzustellen. Ohne eine genaue Aufarbeitung, wodurch erkannte Fehlentwicklungen abgestellte werden, ist eine Fortsetzung einer militanten Politik nicht vorstellbar. Denn mit einer solchen “Hypothek” der militanten Praxis ist im Grunde genommen jedes Ziel diskreditiert. Es ist weiterhin eine Ausnahme, dass klandestin-militante Zusammenhänge für die “Nachwelt” bestimmte Aktionen und deren Abläufe (im Nachhinein) reflektiert vorlegen. In der Auflösungsphase der Revolutionären Zellen (RZ) 1991/1992 oder im Zusammenhang mit dem Fiasko von D.A.S. K.O.M.I.T.E.E. Mitte der 90er Jahre sind solche Schritte durchaus gegangen worden. Somit konnten Ab- und Verläufe von militanten Aktionen diskutierbar gemacht werden. Auch die von der (mg) eingebrachte Stellungnahme zu einem Brandanschlag auf einen LIDL-Rohbau (Januar 2005), bei dem nach Angaben staatlicher Repressionsorgane  ein Monteur gefährdet gewesen sein soll, hat dazu beigetragen, Präzision schon während der Vorbereitung von militanten Aktionen walten zu lassen. Diese “Offenheit” klandestin-militanter Politik halten wir für zentral, um einer Verselbständigung “gemeingefährlicher” Aktivitäten bereits im Frühstadium kollektiv als revolutionäre Linke zu begegnen.
Um möglicherweise fehlgeleitete Eindrücke zu korrigieren, sei folgendes unterstrichen: Diese von uns in Ansätzen aufgemachte Diskussion um das Verhältnis zwischen den eingesetzten Mitteln und Methoden militanter Politik sowie dem angestrebten (End-)Zweck bedeutet keine Revision der Notwendigkeit des sozialrevolutionären und antiimperialistischen Kampfes um die Befreiungsperspektive des Kommunismus. Da haben wir keinen einzigen Millimeter zu verschenken.
Unter den Bedingungen eines kapitalistisch-imperialistischen Systems, eines Systems des Klassenkampfes von oben und der neo-kolonialen Aggression ist es eine Handlung der Verteidigung, Mittel der organisierten Gegenwehr zu entwickeln und in Anschlag zu bringen, um den Horizont des Ziels einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzumachen. Wir haben uns auch nicht aufs Glatteis der Friedfertigkeit und der Zurückhaltung ziehen zu lassen. Wir wissen,  die führenden Fraktionen der herrschenden Klasse zwingen ihre Zielvorstellungen der “versammelten Gemeinschaft” auf, gewöhnt sie daran, alle solche Mittel, die ihren Zielen widersprechen, als unmoralisch zu disqualifizieren. Die bourgeoisen Gesellschaftskreise, die das Proletariat an Vollständigkeit und Unversöhnlichkeit des Klassenbewußtseins bei weitem übertrumpfen, haben ein vitales Interesse daran, ihre Moralphilosophie den Marginalisierten und Überflüssigen durch Konsensbildung und institutionellem Zwang “verständlich” zu machen.
Und da wir ein chronisches “Verständigungsproblem” mit den “herrschenden Moralvorstellungen” haben, tragen wir nicht nur einen Dauerkonflikt auf der Ebene des “Meinungsaustausches” aus, sondern kalkulieren die Wendung zur latenten bis offenen Konfrontation mit den Apparaten der bourgeoisen Vorstellungswelt ein. Völlig logisch: Klasse gegen Klasse! Die finale Orientierung des komplexen revolutionären Aufbauprozesses liegt in der konzeptionellen Ausarbeitung und praktisch überprüften Entwicklung einer bewaffneten Massenlinie, die zum Aufstand führt; in dieser finden sich breite Basisaktivitäten, klandestin-militante Initiativen und die bewaffnete Tendenz in der Form einer roten Miliz der revolutionären Linken zusammen. Alles nur Wortgeklingel und schrill klingende Zukunftsmusik? Marktschreierei und schiefe Töne sind und waren nie unsere Sache. Wir übernehmen Verantwortung und stellen unsere Politik vor. Hierdurch wird sie unterstützbar und gleichzeitig kritisierbar; so geht’s, mit Zwischenstopps, voran…
Wir als Revolutionäre Aktionszellen (RAZ) bilden im Rahmen dieser gesamtorganisatorischen Konzeption das Widerstandsfeld klandestin-militanter Kerne; trotz der begrenzten Reichweite füllt die organisierte Militanz einen wesentlichen Teilbereich revolutionärer Politik aus, der nicht zu vernachlässigen ist. Ein ruhiges Gemüt und notwendige Entschlossenheit in der Vorbereitung und Ausführung der organisierten Militanz haben dabei zusammenzulaufen, um einerseits Schnellschüssen und andererseits Behäbigkeiten entgegenzuwirken.

Klasse gegen Klasse – Krieg dem Krieg!
Für eine militante Plattform – für einen revolutionären Aufbauprozess – für den Kommunismus!

Revolutionäre Aktionszellen (RAZ)
frühes Frühjahr 2010

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